Der Exportweltmeister und König Obama

Deutschland trägt seit vielen Jahren den stolzen Titel des Exportweltmeisters. Der Handelsüberschuss betrug allein 2007 199 Milliarden Euro. Um den Titel gegen die asiatischen Konkurrenten zu verteidigen, wurde Deutschland seit den 1970ern in den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ umgewandelt. Ein Kernstück der Standortoptimierung war die Agenda 2010. Die Folgen dieser Politik fasste kürzlich Reinhard Jellen in der Jungen Welt zusammen:

Seit 2005 hat sich in Deutschland die Armut, die Kinderarmut und die Anzahl der Tafeln verdoppelt. Der Niedriglohnsektor hat sich innerhalb der letzten zwanzig Jahre gleichfalls dupliziert. Während Einkommen aus Gewinnen und Vermögen um 36 Prozent zugenommen haben, bleibt die Lohnquote mit 66,2 Prozent auf einem historischen Tiefstand: Neun Prozentpunkte unter dem Spitzenniveau von 1974.

Nun gehört notwendigerweise zu jedem Exportweltmeister ein entsprechender Importweltmeister. Wenn wir mehr produzieren als wir konsumieren, setzt das voraus, dass es andere gibt, die mehr konsumieren als sie selbst produzieren und uns unsere Überschüsse abkaufen. Die Rolle des Importweltmeisters übernahmen die USA mit einem Handelsdefizit von über 700 Milliarden Dollar jährlich. Woher nahmen die Amerikaner das Geld für ihren Konsum? Sie nahmen Hypotheken auf ihre Häuser auf und überzogen ihre Kreditkarten, was ihnen von den Banken leicht gemacht wurde, die immer faulere Kredite vergaben, sie in Derivate umwandelten, um auch damit noch zu spekulieren. Mit dem Platzen der Blase auf dem US-Immobiliensektor begann die Finanzkrise. Jetzt bleibt den Amerikanern nicht anderes übrig als zu sparen. Die Washington Post fürchtet sogar, dass Amerika nie wieder den globalen Wachstumsmotor spielen wird. Vor dem G20-Treffen in Pittsburgh erklärte Barack Obama in einem CNN-Interview:

Wir können nicht mehr in die Ära zurückkehren, in der die Chinesen und Deutschen oder andere Staaten uns einfach nur alles verkaufen, wir dagegen einen Haufen Kreditkartenschulden oder Hypotheken aufnehmen, aber ihnen nichts verkaufen.

So spricht Deutschlands bester Kunde, und der Kunde ist König. Es muss also auch im deutschen Interesse liegen, langfristig das Ungleichgewicht im Welthandel abzubauen. Dazu muss Deutschland entweder weniger produzieren oder mehr konsumieren. Für letzteres müsste die Binnennachfrage angekurbelt werden – also höhere Löhne (was durchsetzungsfähigere Gewerkschaften erfordert), aber auch höhere Hartz-IV-Bezüge und die Einführung eines Mindestlohns.

Ich bin schon gespannt, wann die neu gewählte schwarz-gelbe Regierung diese Ziele in Angriff nehmen wird…

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