Amazing Amazon

Mit Bestsellerlisten ist das ja so eine Sache. In den meisten Fällen spiegelt sich darin nicht unbedingt die inhaltliche Qualität eines Sachbuchs, sondern eher der Zeitgeist und die mediale Omnipräsenz eines Autors, bzw. dessen Themas. Humor und Populärwissenschaft scheinen zumindest in Deutschland zwei aktuelle Erfolgsrezepte zu sein, wie die Beispiele Eckart von Hirschhausen und Richard David Precht deutlich zeigen. Doch was sich seit kurzem auf dem zweiten Platz der internationalen Bestsellerliste des Internet-Versandhauses Amazon befindet, hat weder mit Humor, noch mit der Suche nach Glück oder Hirnforschung zu tun. Nein, in Open Veins of Latin America: Five Centuries of the Pillage of a Continent (im Original: Las venas abiertas de América Latina) geht es um ein halbes Jahrtausend wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Unterdrückung. Und was ebenso bemerkenswert ist: Der Autor, Eduardo H. Galeano, wahrscheinlich der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller Uruquays, hatte das Buch bereits 1971 veröffentlicht. Er untersucht darin, welche Auswirkungen die fortwährende Ausplünderung der natürliche Ressourcen der Region durch Europa und die USA auf die Entwicklung Lateinamerikas hatte. Wie schaffte es also dieses Buch, schlagartig von Platz 54295 auf den zweiten Rang der Verkaufscharts zu gelangen? Ganz einfach: Man muss es lediglich Barack Obama als Geschenk überreichen. Genau dies hatte Hugo Chávez auf dem Amerika-Gipfel in Port of Spain publikumswirksam getan. Ein glühender Bewunderer Simón Bolívars schenkt dem Mann an der Spitze des ‚Imperiums‘ ein Buch über die Kolonialgeschichte Lateinamerikas. Doch ist allein dieser gelungene Coup der Grund für den raketenhaften Aufstieg des Bandes? Oder trifft nicht vielmehr dieses Werk, das die dunkle Kehrseite eines ungezügelten menschenverachtenden Kapitalismus darstellt, einen globalen Nerv der Zeit? Zumindest scheint mit dem neuen amerikanischen Präsidenten ein frischer Wind in die Beziehungen der beiden Staaten gekommen zu sein. Hatte Chávez Obamas Vorgänger noch als ‚den Teufel‘ bezeichnet, begrüßte er dessen Nachfolger dagegen mit einem Freundschaftsangebot.

Ein Gedanke zu „Amazing Amazon

  • 13. Mai 2009 um 11:51
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    Das ist ja wirklich eine interessante Entwicklung, von der ich so noch gar nichts gehört habe. Kann mir aber durchaus vorstellen, dass aktuell in den Medien präsente Themen, ganz schnell die Ranglisten bei Amazon gestalten und das auch tagesaktuell. Hier wird es vielleicht eine Kombination aus der derzeitigen Antikapitalismusstimmung und der Tatsache, dass Obama das Buch bekommen hat, gewesen sein.

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