Noam Chomsky und seine Meinung zu Obama

Am 19.11.2008 hielt der amerikanische Linguist und politische Aktivist Noam Chomsky, der morgen 80 Jahre alt wird, eine Rede in Boston. Thema dieses Vortrags war die Wahl Barack Obamas und deren Bedeutung für die Lage der Wirtschaft und der Welt. Im Folgenden möchte ich einige Kernpunkte von Chomsky herausgreifen und zur Diskussion stellen.

Zunächst räumt er ein, dass diese Wahl zu Recht mit dem zuweilen überstrapazierten Begriff „historisch“ bezeichnet wird. Eine schwarze Familie im Weißen Haus zu haben, sei eine bedeutsame Leistung. Doch vor allem die Tatsache, dass die zwei demokratischen Kandidaten zum einen ein Afroamerikaner, zum anderen eine Frau seien, verdiene das Etikett „historisch“ und beweise, dass die USA viel zivilisierter seien als noch vor vierzig Jahren. Solch eine Wahl sei nur in den USA möglich gewesen, Europa sei dazu viel zu rassistisch.

Chomsky ist dennoch überrascht darüber, dass die Demokraten trotz acht Jahre Bush-Politik keinen Erdrutschsieg davontragen konnten. Er führt den Sieg Obamas vor allem darauf zurück, dass sein Team mehr Geld ausgegeben habe als das von McCain/Palin. In neunzig Prozent aller Fälle gewinne derjenige Kandidat am Ende, der mit den größeren Summen um sich habe werfen können. Diese außerordentliche Kampagne von Obama habe sogar dafür gesorgt, dass er 2008 vom Magazin Advertising Age zum ‚Marketer des Jahres‚ gewählt wurde, und damit die Firma Apple Inc. auf den zweiten Platz verwies.

Noam Chomsky stellt in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Obamas Graswurzelbewegung heraus, die entscheidend zum Sieg der ‚Marke Obama‚ beigetragen habe. Er vergleicht diese zum einen mit der Wahl Jean-Bertrand Aristides 1990, der damals vor allem durch die Massenbewegung der Lavalas ins haitianische Präsidentenamt gebracht wurde. Zum anderen nennt er die Wahl des Bolivianers Evo Morales Ayma, mit dem im Dezember 2005 erstmals ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung (Aimara) an die Spitze des Landes gewählt wurde.

Gleichzeitig macht Chomsky deutlich, dass Obamas ‚grassroots army‚ selbst für einen Wandel sorgen müsse und nicht auf „Befehle“ des Präsidenten warten könne. Schließlich sei solch eine Situation eher Merkmal einer Diktatur und nicht das, was man sich unter einem demokratischen System vorstelle. Es werde sich herausstellen, ob sich die Angehörigen dieser Bewegung in Zukunft eher als Beobachter oder als aktive Teilnehmer verhalten werden.

Zum Schluss verweist der Linguist auf ernüchternde Punkte: Das Thema ‚Change‚ hätten sich sowohl Obama, als auch McCain auf die Fahnen geschrieben, die Demokraten hätten letztlich vor allem wegen der besseren Marketingkampagne den Sieg davongetragen. Man müsse sich auch darüber im Klaren sein, was Wahlwerbung im Grunde bezwecke, nämlich das, was auch das Anliegen anderer kommerzieller Werbung sei: Es gehe nicht darum, die Leute zu informieren, sondern darum, Ihnen etwas vorzumachen, sie zu täuschen, und uninformiert zu lassen. Bislang sei das meiste vornehmlich Rhetorik gewesen, die Taten seien ausgeblieben. Allein die Ernennung des Personals, das helfen soll, die ‚Marke Obama‘ einzuführen, sei bis jetzt passiert. Wie Chomsky betont, sind einige davon nicht wirklich vertrauenserweckend. Um nur drei Beispiele zu nennen:

1. Joe Biden: Der designierte Vizepräsident war einer der stärksten Befürworter des Irak-Kriegs im Senat. Wie mag dessen Ernennung wohl auf die Leute gewirkt haben, die Obama als Anti-Kriegs-Kandidaten aufbauen wollten?

2. Rahm Emanuel: Der zukünftige Staabschef des Weißen Hauses und ehemalige Investmentbanker war der einzige seiner Delegation aus Illinois, der 2002 die Kriegserklärung von Bush mit seiner Stimme unterstützt hat. Darüberhinaus war er als Abgeordneter einer der größten Nutznießer von Geldmitteln aus Hedge-Fonds und verwickelt in Finanzbetrug.

3. Robert Rubin und Lawrence Summers: Die beiden Ökonomen gehören zum engeren Kreis von Obamas wirtschaftspolitischen Beratern und tragen Mitschuld an der derzeitigen Finanzkrise. Der Volkswirtschaftler Dean Baker verglich deren Ernennung mit Folgendem: Das sei so, als ob man Osama Bin Laden den Kampf gegen den Terror übertragen würde.

Chomsky zeigt sich auch über ein anderes Defizit besorgt. Es stehe außer Frage, dass die Themen Afghanistan und Pakistan zu den dringendsten außenpolitischen Problemen zählten. Seltsamerweise tauchten die beiden Länder auf Obamas Website in der Sparte Außenpolitik kein einziges Mal auf…

Was halten Sie von Noam Chomskys Einschätzungen? Teilen Sie dessen Meinung und Bedenken? Oder sehen Sie es völlig anders?

Quelle der Rede: democracynow.org

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